Mehr Freiraum und Anregung für die Gefangenen, damit ihre Sinne hinter Gittern nicht verkümmern.

In der Tiergartenbiologie hat Prof. Heini Hediger, hat schon 1954 definiert, woran ein Zootier, verglichen mit seinen wild lebenden Artgenossen, notwendigerweise verarmt:

  • Zum einen entfallen in aller Regel Flucht und Feindvermeidung.
    Das scheint, naiv und aus menschlicher Sicht betrachtet, ein Vorteil zu sein. Aber das Tier hat keine Vollkasko-Mentalität und bezahlt den Aufenthalt in der behüteten Anstalt Zoo mit einem schwachen Trainingsstand seiner Sinne.
  • Zweitens erleidet es den Verlust der Fähigkeit, mit seinesgleichen differenziert umzugehen. Hypersexualität oder mangelnde Jungenfürsorge sind die Folge – Verhaltensweisen, mit denen sich Zoo-Praktiker täglich auseinandersetzen müssen.
  • Und schließlich löst sich für das Käfigtier das „Raum-Zeit-Systemauf.
    Es gibt zwar noch Tag und Nacht, wärmer und kälter. Aber das bedeutet fast nichts mehr.

Unmöglich, all das im Gehege auch nur annähernd nachzuspielen gerade für Tiere aus reiz-reicher Umwelt, so das Resümee von dem Zoologe Jörg Hess, „Anreicherungs-Angebote naturgemäß am nötigsten:
Die gesamten Umweltbedingungen müssten reichhaltig sein, die Verhaltens-Stimulation mit neuen Spielgeräten ist für sich genommen zu wenig. Entscheidend seien Käfiggröße und -gestaltung, gesunde Ernährung und Rückzugsmöglichkeiten – und, das Allerwichtigste, eine gesunde Familienstruktur.

Enrichment sollte optimieren, niemals kompensieren; also fördern, was ohnehin im Wesen der Tiere steckt statt Ersatzbefriedigung zu bieten. Der Versuch, Zootieren mehr Möglichkeiten zu geben, ihr arteigenes Verhalten auszuleben Die Tiere sollen möglichst viel Verfügungsgewalt über ihren eingeengten Alltag bekommen.

Dabei sei eine Ähnlichkeit mit der natürlichen Umwelt weniger erforderlich, wichtiger hingegen, die Wildtiere immer wieder vor eine zentrale Standardsituation zu stellen: nämlich Entscheidungen treffen zu müssen.

Die Lebensraum- und Verhaltensanreicherung stellt eine Möglichkeit der Beschäftigung von Papageien in Menschenobhut dar. Es wird versucht, die zeitlichen Freiräume, die durch die fehlende Notwendigkeit der Nahrungs- und Partnersuche, Flucht und Feindvermeidung entstehen, mit Aktivitäten zu füllen, z. B. indem etwa kleine Futterstücke versteckt werden oder spezielles Spielzeug erhalten.

Denn hoch entwickelte Tiere stellen sich jagend oder sammelnd auf immer neue und oft unvorhersehbare Situationen ein. Muskelpakete und Tastsinn arbeiten dabei nicht weniger als Hirn und Sinne. Viele Zoos bemühen sich daher heute den Tieren adäquate und abwechslungsreiche Lebensbedingungen zu bieten. Dies soll Tieren ein Ausleben ihres arteigenen Verhaltensprogrammes ermöglichen und so freiwerdende Zeit füllen. Diese Bestrebungen werden als Behavioural Enrichment im Sinne einer Lebensraumbereicherung bezeichnet. Diese Maßnahmen sind sehr vielgestaltig und betreffen alle Bereiche der Versorgung. Verschiedenste Faktoren wie z.B. die Fütterung, das „Spielzeug„, die Gehegeausstattung, das Gehegeprofil können hier einen Beitrag leisten.
Besonderes Augenmerk gilt hier immer der artgerechten Ausgestaltung der einzelnen Faktoren. Somit ergibt sich für jede Tierart ein Katalog von Ideen.1S. Das Forschungspotential in Zoos und Aquarien – Die Forschungsstrategie des EAZA; Methoden des Tiergarten- und Wildlifemanagements; Friedliches Gruppenleben bei Graupapageien (Artikel); Weiterführende Links über Tiergartenbiologie

Lebensraum Wohnung

Ein großer Teil der Papageien wird bei uns nicht in Außenvolieren gehalten, oft verbunden mit einer Zuchtabsicht, sondern in der Wohnung. Und von diesen wiederum lebt ein großer Teil in Käfigen und Zimmervolieren im Wohnzimmer.oder Vogelzimmer – ihr Lebensraum.

Durch die Bereicherung dieses Lebensraumes und die Aktivierung (Beschäftigung) von Papageien, die in Menschenhand keine Gelegenheit haben, Geist und Körper gemäß ihren genetischen Anlagen einzusetzen, wird Langeweile und stereotypes Verhalten vermeiden und ihre Lebensqualität gesteigert.2S. Friedliches Gruppenleben bei Graupapageien (Artikel)

Hier nur eine kleine Liste von Stichpunkten, die die reizvolle Umwelt in der Wohnung zur Beschäftigung und Abwechslung bieten kann:

  • Vergesellschaftung
    • mit Artgenossen, von der Paarhaltung bis zur Gruppenhaltung
    • artenfremde Vögel. z. B. Wellensittiche und Nymphensittiche; Graupapageien und Mohrenkopfpapageien (mit Vorsicht).
  • Farbgestaltung, u. a. der Wänden
  • Verschiedene Bodenbeläge: Sand, Buchenholzgranulat, Erde (Hygiene beachten)
  • Äste. Kletterbäume und andere Sitz– und Klettermöglichkeiten
    • unterschiedliche Dicke
    • unterschiedliches Baumarten
    • frische und belaubte Äste (Hygiene beachten)
    • Seile, Schaukeln und nicht feste Äste als Sitzgelegenheit
  • Futtersuche und Futter erarbeiten
    • in Schalen vermischt mit Sand und Holzspänen
    • mehrere Futterplätze
    • schwierig erreichbaren Näpfe, z. B. an Seilen oder Ketten, die die Papageien hochzogen müssen.
  • Spielzeug aus unterschiedlichen Materialien (Aktivspielzeug, Treat -, Foraging-Spielzeug)
  • Radio als Geräuschkulisse
  • Training (Targettrainung, Clickertrainimg)3Wikipedia Targettraining; Wikipedia Klickertraining; Vogelforen Clicker-Training; Ann Castro – Die Vogelschule

Die Literatur, die sich speziell mit den Aspekten und Problemen der Wohnungshaltung beschäftigt, war lange im deutschsprachigen Raum dünn gesät:
Die meisten guten Bücher beschäftigten in der Hauptsache mit der Zucht und gingen, wenn überhaupt, nur am Rande auf die Wohnungshaltung ein.
Vielleicht lag es daran, das man keine speziellen Probleme der Wohnungshaltung erkannt hatte;
vielleicht lag es auch daran, das als „richtige“, als „ernsthafte“ Vogelhaltung lediglich jene Form der Haltung anerkannt wurde, die die Zuchtabsicht beinhaltet.
Glücklicherweise haben gute Veröffentlichungen zugenommen, die sich spezieller mit der Wohnungshaltung von Papageien beschäftigen, mit ihren Anforderungen und Bedingungen und mit den Sorgen und Problemen der Halter.

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