Zur Gruppenhaltung von Graupapageien – Überlegungen und Erfahrungen, veröffentlicht in der Ausgabe 11 (Dezember 2002) im Online-Magazin vom Vogelnetzwerk Pirol (2001 – 2004).

Hier mit einigen Ergänzungen in fünf Teilen:

  1. Überlegungen zum Freileben der Graupapageien
  2. Vorteile der Gruppenhaltung
    In Vorbereitung:
  3. Nachteile und Probleme der Gruppenhaltung
  4. Rahmenbedingungen der Gruppenhaltung
  5. Vor- und Nachteile der Gruppenhaltung für den Menschen

Vorteile der Gruppenhaltung

Für einige Papageienarten, die ganzjährig in ihrem Sozialverband zusammenleben, kann das Leben in der Gruppe durchaus als optimale Haltungsform angesehen werden, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Dies gilt vor allem für die kleineren Arten wie z.B. Wellensittiche oder Agaporniden, deren Platzbedürfnis leichter zu befriedigen ist und für die daher die Bedingungen für eine Gruppenhaltung leichter herzustellen sind.
Tatsächlich werden diese Vogelarten auch wesentlich häufiger in Gruppen gehalten. Neben ihrer geringen Größe und der leichteren Herstellung geeigneter Haltungsbedingungen mag hierfür auch der geringere Preis eine Ursache sein.

Die Gruppenhaltung von Wellensittichen ist weit verbreitet
Von Donar Reiskoffer – Eigenes Werk, CC BY 3.0

 

Nicht auszuschließen ist allerdings auch, dass die Erwartungen der Halter an die Vögel die Gruppenhaltung von Kleinpapageien eher begünstigen, bei den Großpapageien die Motive und Erwartungen jedoch einer Gruppenhaltung (ja, oft schon einer paarweisen Haltung) im Wege stehen:
Im Allgemeinen wird bei ihnen noch mehr Wert auf Zahmheit und engen Menschenkontakt gelegt.
Dennoch haben die Erfahrungen gezeigt, dass Papageienarten, die auch im Freileben in Sozialverbänden zusammenleben, aber keine Koloniebrüter sind, auch auf dem begrenzten Raum einer Voliere oder eines Vogelzimmers unter bestimmten Bedingungen in der Gruppe gehalten werden können.

Der Exkurs in das Freileben von Graupapageien hat gezeigt, dass auch für sie die Gruppenhaltung eine angemessene Haltungsform sein kann. Zwar verbringt ein Graupapagei nicht das ganze Jahr hindurch in einer kleinen oder größeren Gruppe mit Artgenossen, aber doch einen erheblichen großen Teil davon

Gruppenhaltung als Lebensraum- und Verhaltensbereicherung

Graupapageien in Menschenobhut verarmen notwendigerweise: Sie brauchen nicht vor Beutegreifern zu fliehen, nicht kilometerweit zu einer Nahrungsquelle zu fliegen und sich dort die Nahrung mehr oder minder mühsam zu erarbeiten.
Sie müssen sich nicht ständig ändernden Umweltbedingungen anpassen, wenn beispielsweise der Baum, der als Schlafplatz diente, durch einen Sturm geknickt wurde. Sie sind zumindest in der Wohnungshaltung kaum wechselnden äußeren Reizen wie Temperaturschwankungen, Wind, Regen und Sonnenschein ausgesetzt, erleben kaum wechselnde Lichtbedingungen und die sich ändernden Farben des Himmels oder des Laubes.

Damit aber werden die verschiedenen Sinne der Tiere nicht mehr gefordert und sie verkümmern. Es werden Kompensationsmöglichkeiten im Sinne von Ersatzbefriedigungen gesucht, die nicht unbedingt alle angemessen sein müssen:
So wurde nicht nur beobachtet, dass Papageien mehr spielen als ihre frei lebenden Artgenossen, sondern sie wenden auch mehr Zeit zum Fressen, zum Schlafen und zur Gefiederpflege auf.
Auch der Paarbeziehung scheint oft mehr Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet zu werden, aus menschlicher Sicht scheint sie oft intensiver als dies im Freileben der Fall ist.
In der Folge können Verhaltensstörungen, zumindest aber Verhaltensmodifikationen beobachtet werden: mangelnde Brutfürsorge, Hypersexualität, Apathie, der Verlust der Fähigkeit, mit Artgenossen differenziert umzugehen, Selbst- und Partnerrupfen.
Neben diesen und anderen psychischen Störungen gibt es auch körperliche Folgen, wie Verfettung, Rückbildung der Muskulatur, verschlechterter Immunstatus.

Gerade für vergleichsweise hoch entwickelte und intelligente Tiere wie die Graupapageien ist es daher notwendig, Freiraum und Anregungen zu schaffen, um die verschiedenen Sinne der Tiere und damit ihre körperlichen und psychischen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu fördern. Sie sollen Verfügungsgewalt über ihren notwendigerweise eingeengten Alltag erhalten und ihr arteigenes Verhalten ausleben können.

Damit müssen die gesamten Umweltbedingungen möglichst reichhaltig sein:
Hierzu sind Volierengröße und –ausstattung, Ernährung, Rückzugsmöglichkeiten und eine gesunde Familienstruktur (Paar) entscheidend. Über die paarweise Haltung und die Familienstruktur hinaus kann auch das Leben in einer Gruppe von Artgenossen seinen Beitrag zur Lebensraums– und Verhaltensbereicherung leisten.

Zunahme der körperlichen Aktivitäten

Ich konnte bei meiner kleinen Vierergruppe beobachten, dass die Graupapageien bei ausreichendem Platzangebot mehr fliegen und klettern. Dies hat unterschiedliche Ursachen:
So wecken z.B. die Aktivitäten eines Artgenossen das Interesse eines anderen Individuums, das sich daraufhin dorthin begibt. Oder das Auffliegen eines Tieres animiert die übrigen Vögel ebenfalls zum Fliegen. Schließlich erfordern soziale Auseinandersetzungen ebenso wie Partnerfindung und Balz ein höheres Maß an körperlicher Aktivität. Dazu gehört auch das partnerschaftliche Spielen und Toben, welches deutlich zugenommen hat.

Zunahme an geistigen Aktivitäten

Alleine durch ihre Anwesenheit und ihre Aktivitäten bieten die Artgenossen wechselnde optische und akustische Reize. Im Zusammenleben mit seinen Artgenossen wird ein Graupapagei immer wieder vor verschiedenartige Situationen gestellt, die Entscheidungen erfordern. Damit wird der Graupapagei immer wieder geistig trainiert und die Gefahr des „Verkümmerns“ ist geringer.

Erhaltung und Erweiterung des Verhaltensrepertoires

Im Umgang mit den Artgenossen muss ein Graupapagei sein teils angeborenes, teils erlerntes Ausdrucksverhalten zur Kommunikation einsetzen bzw. dieses erst durch den Umgang mit Artgenossen erlernen. Dabei konnte ich auch eine Erweiterung der stimmlichen Lautäußerungen durch gegenseitige Nachahmung beobachten. Dabei wird auch die von einem Graupapageien nachgeahmte menschlich Sprache von den übrigen Individuen oft aufgenommen, ihrerseits nachgeahmt und in die innerartliche Kommunikation eingebaut.

Aggressionen

Vorhandene Aggressionen können sich bei einer paarweisen Haltung ausschließlich auf den Partnervogel als einzig erreichbares Zielobjekt richten. Dieses Verhalten tritt oft noch verstärkt auf, wenn die beiden Vögel kein Paar bilden, sondern sich nur gegenseitig halbwegs akzeptieren, wie es besonders bei menschenfixierten Graupapageien oft der Fall ist.
Bei einer Gruppenhaltung können sich die Aggressionen eines Vogels dagegen gleichmäßiger auch auf andere Vögel verteilen, was den Stress für die einzelnen Individuen vermindert.
Partnerfindung
Für Vögel ist eine harmonische, da stressfreiere Paarbeziehung, in der sie ihre natürlichen Bedürfnisse befriedigen und ihr arteigenes Verhalten ausleben können, sehr wichtig. Das Paar stellt bei fast jeder Papageienart, gleichgültig, in welchen sozialen Verbänden sie sonst noch leben, die primäre Sozialstruktur dar. Am leichtesten lässt sich eine harmonische Paarbeziehung dann erreichen, wenn die Vögel sich ihren Partner in einer Gruppe selbst suchen können. Der Vorteil einer zumindest zeitweisen Gruppenhaltung für den Halter liegt darin, dass sie der Grundstein für eine erfolgreiche Zucht sein kann.

Partnerlose Vögel

Man kann jedoch nicht davon ausgehen, dass in frei lebenden Populationen alle Graupapageien verpaart sind und zur Fortpflanzung kommen. Auch und gerade für Tiere, die keinen Partner finden, ist das Zusammenleben mit Artgenossen in einer Gruppe aus den oben genannten Gründen sicherlich sinnvoller als die Haltung von „nur“ zwei Vögeln. Dies wird durch die Beobachtung bestätigt, dass Graupapageien auch ohne feste Paarbindung soziale Gefiederpflege mit anderen Individuen in der Gruppe betreiben.

Menschenfixierte Graupapageien

Besonders bei Vögeln, die aufgrund einer Handaufzucht und / oder jahrelanger Einzelhaltung eine Fixierung auf den Menschen als Ersatzpartner aufweisen, scheint die Gruppenhaltung gegenüber der Haltung zweier Vögel Vorteile zu bringen:
Die Artgenossen lenken das Individuum während der Zeit der Abwesenheit seiner menschlichen Bezugsperson ab und sorgen für körperliche und geistige Aktivität.
Für den Halter hat dies den Vorteil, dass der Vogel unabhängiger von ihm wird und nicht mehr ganz so viel Aufmerksamkeit und Zuwendung braucht. Der Halter muss kein schlechtes Gewissen, wenn er keine Zeit gat.
Im Idealfall können so auch Verhaltensstörungen aufgrund einer Fehlfixierung vermieden, in gewisser Weise sogar behoben werden.
Ich habe in meiner Vierergruppe beobachtet, dass auch ein menschenfixierter Graupapagei immer wieder mit seinen Artgenossen in der Gruppe interagiert, wenn auch oft in Form sozialer Auseinandersetzungen.

Resozialisierung

Langfristig besteht die Möglichkeit, dass ein solcher Vogel sich in eine Gruppe völlig integriert, arteigene Verhaltensweisen (wieder-) erlernt, schließlich seine Fixierung auf den Menschen ablegt und durch eine Gruppenhaltung „resozialisiert“ wird. Jedoch sollten die Erfolgschancen nicht zu hoch bewertet werden.
Bei einem Vergleich mit einer Gruppenhaltung von Amazonen haben diese in erheblich größerem Maße ihr natürliches arteigenes Verhalten wieder gezeigt und die Beziehung zum Menschen reduzierte sich schneller auf seine Funktion als Futterspender und Pfleger.
Wenn auch der Vergleich zweier Gruppen kaum repräsentativ ist, so fiel mir doch auf, dass ich in Vogelparks und Zoos neben den Kakadus meist Graupapageien gesehen habe, die trotz Gruppenhaltung an das Volierengitter kamen, um gestreichelt und gekrault zu werden. Bei Amazonen habe ich dieses Verhalten erheblich seltener beobachtet.
Es mag also tatsächlich sein, dass eine Resozialisierung bei Graupapageien schwieriger ist als bei Amazonen.

Verhaltensstörungen

Das Vorangegangene hat bereits deutlich gemacht, dass die Gruppenhaltung ein guter Weg sein kann als eine Lebensraum- und Verhaltensbereicherung Verhaltensstörungen zu vermeiden, indem einem Vogelindividuum mehr Reize geboten werden und Möglichkeiten, seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu aktivieren. Das Problem der Langeweile stellt sich in einer Gruppenhaltung in geringerem Ausmaß.

Eingangs wurde erwähnt, dass Kleinpapageienarten erheblich häufiger in der Gruppe gehalten werden als Großpapageien. Zugleich sind bei Kleinpapageien Verhaltensstörungen bezogen auf die Gesamtzahl der gehaltener Kleinpapageien seltener zu beobachten.
Gemeinhin wird dies darauf zurückgeführt, dass Kleinpapageien weniger sensibel hinsichtlich unzureichender Haltungsbedingungen sind, und / oder es wird auch ein Zusammenhang mit der größeren Intelligenz von Großpapageien gesehen, die sie empfindlicher macht.
Möglicherweise besteht aber ebenso ein Zusammenhang nicht nur mit der verbreiteten Paar-, sondern auch der Gruppenhaltung, die Verhaltensstörungen verhindert.

Nahrungsaufnahme

Die Nachahmung wurde im Zusammenhang mit der Erweiterung des Verhaltensrepertoires erwähnt. Einen speziellen Aspekt stellt die Ernährung dar: Gerade Graupapageien sind hinsichtlich der Nahrungsaufnahme oft konservativ, Unbekanntes wird nicht selten zunächst abgelehnt und zahlreiche Tricks und Kniffe sind notwendig, um einen Graupapageien an die Aufnahme bestimmter Nahrungsmittel zu gewöhnen.
Auch dieses Problem stellt sich bei der Gruppenhaltung oft in geringerem Ausmaß: Das Vorbild der Artgenossen, Nachahmung und Futterneid führen häufig dazu, dass bislang verschmähte Nahrungsmittel gefressen werden.

Physische Kondition

Zunahme der körperlichen Aktivitäten, eine abwechslungsreichere Ernährung durch Nachahmung und Futterneid sowie Abnahme von Stresssituationen durch eine Verteilung von Aggressionen stärken die körperliche Kondition und den Immunstatus.

Die Vorteile einer Gruppenhaltung kann es nur dann geben, wenn die richtigen Rahmenbedingungen dafür gegeben sind. Nur dann ist Gruppenhaltung als Teil der Lebensraum- und Verhaltensbereicherung mit ihren positiven Auswirkungen zu sehen.

Literaturangaben:

  • Arndt, Thomas,: Papageien – ihr Leben in Freiheit, Horst Müller Verlag Walsrode 1986
  • De Grahl, Wolfgang: Der Graupapagei, Eugen Ulmer Verlag Stuttgart 1991
  • Immelmann, Klaus et al.: Einführung in die Verhaltensforschung, Blackwell Wissenschafts-Verlag Berlin-Wien 1996
  • Luft, Stefan: Der Graupapagei. Lebensweise, artgerechte Haltung und Zucht, Naturbuch Verlag Augsburg 1994
  • Luft, Stefan: Graupapageien – Richtig halten, pflegen und verstehen, Institut für Papageienforschung e.V. Dinslaken 2005
  • Lantermann, Werner: Großpapageien. Wesen, Verhalten, Bedürfnisse, Franckh-Kosmos Stuttgart 1990
  • Lantermann, Werner: Handbuch Papageien. Artgemäße und artenschutzorientierte Haltung, Pflege und Aufzucht, Naturbuch Verlag Augsburg 1994
  • Lantermann, Werner: Verhaltensstörungen bei Papageien, Ferdinand Enke Verlag Stuttgart 1998
  • Lantermann, Werner: Papageienkunde, Parey Buchverlag Berlin 1999
  • Lantermann, Werner: Graupapageien. Artgemäße Haltung, Pflege und Zucht Oertel + Spörer 20000
  • Lepperhoff , Lars: Wo Graupapageien fliegen, WP-Magazin Nr.5, September/Oktober 2003
  • Robiller, Franz: Handbuch der Vogelpflege – Papageien Band 2, Eugen Ulmer Verlag Stuttgart 1997
  • Schratter, Dagmar, Graupapageien Eugen Ulmer Verlag Stuttgart 2001
  • Mindestanforderungen an die Haltung von Papageien (pdf), Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) 1995
  • Woppel, Marit: Friedliches Gruppenleben bei Graupapageien (Artikel)
  • Schmid, Rachel, Steiger, Andreas, Doherr, Marcus: Graupapageien in Gruppen aufziehen (Artikel zu einer Studie) in: BVET-Magazin 6/2004 „Heimtiere richtig halten“ (Hrsg. Bundesamt für Veterinärwesen)
  • Voss, Insa: Bedeutung der Paarbindung für die Fortpflanzung von Papageien (Dissertation 2009), Universität Potsdam

Fortsetzung
Nachteile und Probleme der Gruppenhaltung

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